Donnerstag, 29. Januar 2015

In deinem Windschatten

Jemand hat dir Spinnweben vor die Augen gehängt, Mädchen. Und wenn du das Netz nicht bald zerreißt, dann habe ich Angst um dich. Angst, dass du so wirst wie deine Großmutter mit ihren trüben blauen Engelsaugen, die immer in der Lage sind, auch das winzigste Staubkorn wahrzunehmen. In ihrem Haus lässt sie niemals Raum für Spinnweben, die könnten ja auch deinen Großvater stören. Für all die feinen Schleier, die ihr seit Jahren die Sicht rauben, ist sie blind.
Und eigentlich hast du das alles doch gesehen, Mädchen, nicht? Hast dich oft gefragt, wie sie so leben kann und wann sie wohl ihre Träume und Bedürfnisse auf den Dachboden geräumt hat? Das kann ich dir nicht sagen, Mädchen, aber dein eigener Dachboden ist auch nicht mehr so leer. Das macht aber nichts. Noch nicht. Ich passe auf alles auf. Und sehe durch deine Spinnweben hindurch.

Auf die Lautstärke seiner Worte kannst du nur schweigen. Er hat dich Kind genannt. Kind wie dummes Kind. Und du hast die Wucht des Wortes physisch gespürt. Du hast dich geschlagen gefühlt, das darfst du ruhig zugeben. Und natürlich weißt du auch, dass es respektlos ist, dass es eine Grenze überschreitet. So spricht man nicht mit seiner Partnerin.
Aber auf die fast physische Wucht seiner Worte konntest du nur verstummen. Und bist ihm gefolgt in deinen unbequemen Schuhen, die er so mag. Raus aus seinem Auto, die Treppe hinauf in seine Wohnung, die er zu eurer machen will. Du hast das Kleid, das ihr beide mögt, ausgezogen und hast still neben ihm gelegen, leise atmend, wach. Du hast Angst, dass er aufwacht. Seine Wut hängt noch immer im Raum.
Und du hast das Nichts gefühlt, zu dem deine Gefühle für ihn schlagartig geworden sind in der Sekunde, in der sein Wort dich getroffen hat. Du fühlst dich irgendwie schlecht deshalb, dabei musst du es deinen Gefühlen nicht übel nehmen, Mädchen, er hat sie eben verschreckt, sie sind geflohen vor ihm. Und deine späteren Handlungen, die alle nur dazu dienen, dieses Nichts zu verbergen, für das du dich so schlecht fühlst, werden sie nicht zurückbringen.
Du wirst trotzdem bleiben.
Ihr wart ja immerhin auch so glücklich ein halbes Jahr lang. Und deine Familie findet, dass ihr gut zusammenpasst. Du hast dir schon eure Hochzeit ausgemalt, so sicher hast du dich gefühlt mit ihm. Und er ist ja nicht immer so. Er schreit dich nicht immer an und nennt dich Kind wie dummes Kind, er kann auch verständnisvoll sein. Und sicherlich hast du auch schon Dinge gesagt oder getan, die ihn verletzt haben. Das sagst du dir.
Deine Gefühle vergessen die Verletzung trotzdem nicht. Auch nicht die weiteren, die folgen. Es fällt dir manchmal schwer, aufzustehen. Du lachst seltener, was er dir übelnimmt. Hübsch machst du dich immer erst, kurz bevor er nach Hause kommt. Davor hast du nicht die Kraft.
Ich bin die ganze Zeit bei dir und halte deine Hand. Manchmal flüstere ich dir etwas zu. Die Spinnweben vor deinen Augen sind so fein, du könntest sie wegwischen, ganz leicht, mit einer einzelnen Handbewegung. Aber weil sie so fein gewebt sind, ist es auch so schwer für dich, sie zu sehen. Ich kann das verstehen und warte geduldig.
Ich bin bei dir, als du das erste Mal deine Sachen packst, und verlasse dich nicht, als du beschließt, doch zu bleiben. Ab und an werde ich dich erinnern, dass du, als du dir vorgestellt hast, zu gehen, gar nicht so viel Angst hattest. Die Vorstellung, im Zug zu sitzen und weg zu fahren, irgendwo anders hin, weg von ihm, an einen neuen Ort, hat deine Augen aufleuchten lassen. Vielleicht hast du es nicht bemerkt. Wahrscheinlich hättest du dich schuldig dafür gefühlt.
Ich bin auch bei dir an dem Abend, an dem du Menschen aus deinem Leben eingeladen hast, Menschen, die er, wie er sagt, alle nicht mag. Und das sieht man ihm auch den ganzen Abend an. Dein Versuch, trotzdem ausgelassen und fröhlich zu sein, hat etwas Verzweifeltes. Das Flaschendrehen nutzt er, um einen deiner Freunde, auf den er schon lange eifersüchtig ist, zu fragen, ob er mal etwas von dir gewollt hat.
Später – du bist schon ein wenig betrunken – überkommt dich etwas von deinem alten Übermut und du willst einen Papierschnipsel, einen ganz kleinen nur, in die Teelichtflamme werfen. Er hat das Spielerische an dir noch nie verstanden, trotzdem dachtest du eine Zeit lang, er würde diese Seite von dir mögen. Jetzt fährt er dich nur an, kalt und scharf, dass du den Kindergarten lassen sollst. Er verbietet es dir.
Er hat wirklich „verbieten“ gesagt, bei dem Wort spitze ich meine Ohren und drücke deine Hand, so, dass du es spürst. Die grauen Schleier vor deinen Augen werden kurz farbig, tanzen wild hin und her. Alle im Raum schauen zu dir. Du kannst die Angst vor der Eskalation in ihren Augen sehen. Du lässt die Hand mit dem Papierschnipsel sinken.
Aber du hast meinen Händedruck gespürt und als alle gegangen sind, streitet ihr noch lange. Die ganze Nacht. Bis es schon wieder hell wird. Du sagst ihm, dass du seine Wortwahl nicht angemessen findest. Du bist seine Partnerin. Er kann dir nichts verbieten. Er sagt, du verhältst dich so kindisch, da hätte er jedes Recht, so mit dir zu reden. Ja, eigentlich bräuchtest du dich nicht einmal wundern, wenn er dir eine geknallt hätte.
Diesmal ziehe ich an deiner Hand, bin bereit, zu rennen oder anzugreifen, warte, was du tun wirst. Immerhin, du schweigst darauf nicht, du bist empört und sagst das auch und ihr streitet weiter und du bleibst dann aber doch. Und hast noch weniger Kraft.
Ihr streitet viel zu oft, als dass du dich noch stark fühlen, dich erholen könntest. Du kommst gar nicht hinterher damit, das alles zu reparieren, was zwischen euch immerzu in die Brüche geht. Die Gefühle und Bedürfnisse auf deinem Dachboden befinden sich in immer schlechterem Zustand, auch wenn ich immer wieder nach ihnen sehe und sie gelegentlich abstaube. Manche möchten laut aufheulen, sie wissen, dass du sie noch hören kannst, so dicht ist der Nebel um dich noch nicht.
Nur dein Lächeln wirkt jeden Tag gezwungener. Man sieht dir dein Unglück an, er nimmt es dir übel. Du weinst viel und wenn du vor ihm aus dem Zimmer flüchten willst, folgt er dir immer. Dann weinst du immer noch und schämst dich, seine Augen bleiben hart und ihr streitet weiter. Ich kann die Spinnweben zittern sehen, mit einem einzigen entschlossenen Blick könntest du ihr Grau in wütend-rote Klarheit verwandeln, aber ich verstehe, dass du noch nicht so weit bist.
Ich laufe in deinem Schatten mit, folge dir noch ein wenig auf deinem Weg, hoffe, dass du dich bald an mich erinnern wirst. Ihr streitet so viel und du bist so sichtbar unglücklich und er so wütend darüber, dass die nächste große Eskalation nicht ausbleiben kann. Ich weiß das und ich sage es auch dir. Wahrscheinlich kannst du mich noch hören, meine Stimme ist nur einfach nicht so laut wie das, was dich – im Augenblick noch – an ihn bindet.
Zu gut erinnerst du dich noch an all die schönen Dinge, die er am Anfang zu dir gesagt hat. Du weißt, dass er auch andere Gesichter hat. Er hat dir Seiten von sich gezeigt, die du nicht verlassen willst. Und zu oft läuft in seinem Auto die Musik, die einmal eure gewesen ist.
In seinem Auto seid ihr auch, als es zur nächsten Grenzüberschreitung kommt, ihr streitet wieder. Musik läuft nicht, ihr schreit beide. Du wirst später vergessen, worüber ihr aneinander geraten seid. Du musst dich auch nicht erinnern. Dafür wirst du dir genau merken, wo ihr wart, du wirst dich an die Straße erinnern, sogar an die genaue Stelle – kurz nach der Unterführung -, auf der ihr gefahren seid, als er noch einen Schritt weiter über die Grenze geht, die du einfach nicht ziehst.
Er hat den Arm wirklich hoch gehoben, bis hinter seinen Kopf, und noch während seine Hand herunter geknallt ist auf dein Bein, dein linkes Bein, hat er gebrüllt, dass du schuld bist: „Warum musst du es immer so weit bringen?“ Du kannst nicht wegrennen, nicht einmal antworten kannst du auf diese Gewalt, das Einzige, was du noch tun kannst, ist, deinen Blick und dein Gesicht von ihm abwenden, hin zum Fenster. Was er danach gesagt oder getan hat, wirst du auch vergessen. Du hast natürlich geschwiegen. Er hat dir auch nicht viele andere Möglichkeiten gelassen.
Ich habe trotzdem die Zähne gefletscht und heule wild auf. Er hat fast vergessen, dass es mich gibt, obwohl ich es bin, vor der er sich die ganze Zeit gefürchtet hat. Deshalb kann er es auch wagen, später zu sagen, dass er richtig gehandelt hat. Du warst ja außer dir gewesen, er hat dich nur wieder zur Vernunft bringen wollen. Und du warst dann ja auch tatsächlich wieder ruhig. Still, denken du und ich, nicht ruhig, sondern einfach nur verstummt. Du sagst es nicht.
Trotzdem ist er diesmal zu weit gegangen. Seine Gewalt ist nichts, was du noch grau sehen kannst, egal, wie viele Spinnweben du dir noch vor die Augen hängst. Er wird mein Brüllen hören, auch, wenn es vielleicht nur im leisen Tappen deiner flüchtenden Füße erklingt. Denn natürlich kannst du ihm nicht sagen, dass du ihn verlassen wirst, du hast jetzt viel zu viel Angst vor seiner Reaktion. Aber als du das nächste Mal nach Hause fährst, sind wir uns einig, dass du nicht zurückkehrst. Die Bedürfnisse und Träume auf deinem Dachboden atmen – wenn auch noch zögerlich – auf.
Das Telefonat mit ihm wird natürlich furchtbar, aber die grauen Fetzen vor deinen Augen sind nicht mehr dicht genug, um dir die Sicht auf ihn und seine Farben, auch die dunkelsten, zu rauben. Und irgendwann, wenn du lange genug hart geblieben, wenn er dich lange genug vergeblich übers Telefon beschimpft hat, wird er doch aufgeben, ihr werdet keinen Kontakt mehr haben und du wirst, wenn auch am Anfang noch schuldbewusst, Erleichterung empfinden.
Während du noch eine Zeit lang zweifelst, ob die Trennung wirklich die richtige Entscheidung war, räume ich den Dachboden nach und nach leer, trage die eingestaubten Kisten die Treppe hinunter, damit du sie irgendwann in Ruhe auspacken kannst.
Du wirst dich fragen, ob du ihm nicht einfach vergeben solltest, ob du zu hart warst. Ich werde dir zu raunen, dass du ihm vergeben darfst und wirst, Mädchen. Aber das kommt später. Wenn er und die Gewalt, die er gebracht hat, nicht mehr Teil deines Lebens sind. Du überlegst und nickst dann langsam. Siehst du, so weit bist du schon.
Und wenn dir noch einmal Spinnweben die Sicht rauben, dann wirst du dich nächstes Mal vielleicht ein wenig schneller daran erinnern, dass du keine Angst zu haben brauchst, weil ich, dein wildes, instinktives Selbst, immer in deinem Windschatten mitlaufe. Und geduldig warte, bis du die Grauschleier vor deinen Augen bunt durchleuchtest.
Aber über Spinnweben haben wir jetzt lange genug geredet. Im Wohnzimmer stehen einige vollgestopfte Kisten und warten nur auf dich.

Montag, 19. Januar 2015

Dualismus-Gefahren

Ich wollte schon länger mal wieder ein paar meiner Weisheiten los werden, nachdem ich mir am Jahresbeginn unter anderem auch überlegt habe, was ich im letzten Jahr eigentlich so gelernt habe... Die Antwort, die mir als erstes eingefallen ist, war, dass ich sehr, sehr viel über Dualismus gelernt habe.
Und das nämlich deshalb, weil ich das ganze zweite halbe Jahr in einer intensiven Dualismus-Krise gesteckt habe. Das ganze war auch echt kein Spaß, aber nach und nach habe ich meinen Weg da raus gefunden (und finde ihn gerade immer noch).
Und weil diese Krise wirklich das gesamte zweite halbe Jahr dominiert und überschattet hat und somit wirklich intensiv war, habe ich auch schon länger mit dem Gedanken gespielt, das, was ich so über Dualismus „gelernt“habe, weiter zu geben. Und die letzten Ereignisse in Frankreich haben mich darin bestärkt. Meiner Meinung nach haben nämlich auch die etwas mit Dualismus und seinen Gefahren zu tun.
Direkt nach den Attentaten wurde ja oft betont (und das auch zu Recht), dass es wichtig ist, zwischen den Attentätern selber und ihrer Religion zu differenzieren und das sehe ich auch absolut so. Alles andere wäre eine Verallgemeinerung, Vorurteile würden entstehen und das hilft niemandem weiter.
Trotzdem glaube ich, dass man zwar differenzieren muss, aber dass man die Religion, wenn man sich fragt, warum diese Dinge passieren, auch nicht ganz heraus nehmen kann. Ich frage mich eben bei solchen Ereignissen immer auch: Was geht in den Leuten vor? Was für ein Programm läuft in ihrem Kopf ab, damit sie so ein Attentat vor sich selber rechtfertigen können?
Und ich denke, dass das Kopf-Programm eines Attentäters unter anderem auch ein zutiefst dualistisches ist. Also eines, das in Gut-Böse, Schwarz-Weiß, Richtig-Falsch denkt und da unter Umständen sehr, sehr scharfe Trennlinien zwischen den Polen zieht. Und es fällt mir eben auch auf, dass Religionen, die in ihrer Tendenz doch auch eher dualistische Religionen sind, wie eben zb der Islam oder das Christentum, oft auch ein größeres Gewaltpotential bei ihren Anhängern mitbringen (bitte aber auch das auf gar keinen Fall verabsolutieren oder verallgemeinern!). Zumindest wüsste ich nicht, dass Buddhismus oder Hinduismus mal einen Kreuzzug oder Ähnliches veranstaltet hätten.
Was nicht heißt, dass es bessere oder schlechtere Religionen sind als Christentum und Islam. Und auch dualistisches Denken, auch wenn ich jetzt hier natürlich über seine Gefahren und damit über die negativen Seiten reden werde, ist eben nicht „schlecht“ oder „falsch“ oder dergleichen.
Es gibt ja auch einfach so etwas wie Religionsgeschichte, Religionen haben sich entwickelt, sind gewachsen, verändern sich auch. Und ich bin davon überzeugt, dass jede Entwicklung, die dabei passiert ist, auch ihren Sinn hatte.
Und trotzdem zeigt uns jede Religion die Wahrheit durch ein anderes Glas, aus einem anderen Winkel, sie nimmt andere Worte, um sie zu beschreiben. Und die dualistische Sichtweise, der dualistische Blick bringt eben doch einige Gefahren mit sich, um die es mir hier jetzt geht, weil ich sie selber im letzten halben Jahr auch intensiv kennen lernen durfte.
Ich war nämlich selber eine Zeit lang gefangen in einer sehr, sehr dualistischen Sicht und wusste zwar durchgehend, dass ich da raus will, dass ich da auf gar keinen Fall stehen bleiben will, aber leicht war es wirklich nicht, den Dualismus-Bann zu brechen.
Weil dualistisches Denken mir (und vermutlich nicht nur mir) eben doch extrem tief eingeprägt war. Ich hätte mich selber zum Beispiel nie als gläubige Christin bezeichnet, ich war immer eher philosophisch als religiös und an Himmel und Hölle habe ich auch schon früh, wie die meisten von euch wahrscheinlich auch, nicht mehr geglaubt.
Aufgewachsen bin ich trotzdem mit diesen Bildern und Begriffen: mit Himmel und Hölle, Gut und Böse, Richtig und Falsch... Diese Bilder und Begriffe gehören einfach zu den ersten, die wir mit bekommen, um uns die Welt um uns herum zu erklären und fassbar zu machen.
Und mittlerweile ist es auch nicht mehr nur die Religion (die bei uns in Europa ja auch gar nicht so zentral und mächtig ist wie anderswo, auch wenn ihre Macht immer noch nicht unterschätzt werden sollte), sondern wir kriegen dualistische Bilder inzwischen überall präsentiert: Im Kino, in Büchern... überall prallen Gut und Böse, Licht und Schatten in gewaltigen Schlachten aufeinander. Hollywood wäre auch extrem schnell pleite, würde nicht irgendwas in uns auf die Stories von den Guten und den Bösen anspringen. Und dass wir immer noch darauf anspringen und uns davon in den Bann ziehen lassen, liegt eben einfach daran, dass es uns so vertraut ist von frühester Kindheit an. So funktioniert für uns die Welt. So können wir sie uns erklären, so macht sie Sinn.
Und die zwei großen Gefahren, die ich darin sehe, dass uns diese Bilder eingeprägt werden und wir sie später munter und durchgehend anwenden, um uns die Welt um uns herum fassbar zu machen, sind folgende:
Zum Einen:
In einer Welt, die unterteilt ist in Gut und Böse, Richtig und Falsch, wollen wir alle die Guten sein. Warum das für uns gefährlich werden kann, werde ich später erklären.
Die zweite Gefahr besteht darin, dass es in einer Gut-Böse Welt sogar gut ist, das „Böse“ zu besiegen, zu unterwerfen, zu bannen, ja, auch zu töten. Zumindest kenne ich niemanden, der sagt, Frodo hätte den Ring nicht zerstören sollen, weil er damit den armen Sauron getötet hat, oder Harry hätte Voldemort leben lassen sollen oder dergleichen... Im Gegenteil, den oder das Superböse, die absolut lichtlose Dunkelheit zu töten und zu besiegen, ist nach den Regeln von Hollywood die ultimative Heldentat.
Und aber auch das christliche Himmel-Hölle-Bild bringt uns ja nicht unbedingt bei, Mitgefühl mit denen in der Hölle oder gar noch der Hölle selbst zu haben, sondern diese Aufteilung wird uns auch als eine gerechte und gute präsentiert. Es erscheint uns schon ganz sinnvoll, dass die Erzengel Satan gestürzt und in die Hölle verbannt haben.
Jetzt glaube ich ja aber eigentlich nicht an Himmel und Hölle (und viele Christen tun das zum Glück auch nicht) und bin überzeugt davon, dass es auch jenseits von dem ganzen Dualismus mit seinen unvereinbaren Gegensätzen eine Welt gibt, in der eigentlich alles eins ist. Und wenn ich aber da hinein gehe, in dieses Einheitsbewusstsein, dann ist die Vorstellung von einer Trennung, Aufteilung und Aufspaltung in Himmel und Hölle nämlich überhaupt nicht mehr gerecht oder gut. Dann bin ich nämlich auch mit jeder Person in der Hölle, ja, sogar mit Satan, mit der Hölle selbst von Grund auf eins und aus der Perspektive ist es einfach nur grausam und lieblos, etwas, was im Grunde genommen ich bin, ein Teil von mir, wegzusperren, zu verteufeln, zu verurteilen, als böse zu bezeichnen, zu verdammen.
Stell dir einfach einmal vor, irgendjemand würde verhängen, dass deine Schwester jetzt die Hölle ist und du der Himmel, oder dein bester Freund, deine Mutter, dein Ehemann. Irgendjemand würde kommen und würde behaupten, die Person, die du liebst, ist zutiefst böse und muss deshalb von dir getrennt werden und in der Hölle schmoren, während du im Himmel sitzt. Ihr wärt absolut unvereinbar, könntet nie wieder zusammen kommen. Das würdest du nicht hinnehmen, oder? Und auch nicht glauben, weil du weißt und erlebt hast, dass deine Schwester und du nicht unvereinbare Gegensätze seid oder du und dein bester Freund. Du spürst eure Verbundenheit, euer Eins-Sein zu sehr, als dass du zulassen würdest, dass ihr unvereinbare Pole seid.
Und meiner Meinung nach ist das aber mit allem so. Und was die Dinge betrifft, die wir unvereinbar mit uns, auf ewig getrennt in der Hölle sehen könnten, ohne dass es uns das Herz bricht... das sind die, bei denen wir uns nicht mehr erinnern können, dass wir eins mit ihnen sind. Oder uns nicht erinnern wollen, weil es uns Angst macht, einen Mörder oder Satan persönlich anzusehen und zu erkennen, dass er im Grunde überhaupt nicht anders ist als ich und auch keineswegs besser oder schlechter. Ja, das macht uns in der dualistischen Welt, in der wir leben, extrem Angst.
Wenn ich aber im Einheitsbewusstsein bin, dann ist mir vollkommen klar, dass einfach schon, wenn ich eine gedankliche Trennung zwischen mir und irgendwem anderem ziehe, wenn ich mir denke „du bist nicht wie ich, ich bin Licht, du bist Schatten, ich bin richtig, du bist falsch, ich bin gut, du bist böse“, ich damit schon einen Gewaltakt begehe. Das klingt vielleicht drastisch, aber meiner Meinung nach beginnt Gewalt wirklich schon mit jedem Urteil. Weil jedes Urteil eine Trennung und ein Ungleichsein kreiert zwischen etwas, was eigentlich seinem Wesen nach eins ist. Weil jedes Urteil in irgendeiner Weise aus eins zwei macht. Und weil es bei diesen zwei plötzlich ein oben und unten, ein hell-dunkel, ein richtig-falsch gibt.
Und ich werte damit nicht nur den anderen in irgendeiner Form ab (mag sie auch noch so subtil sein), stoße ihn, den ich als die mit mir unvereinbare Dunkelheit oder das unannehmbare Böse sehe, symbolisch in die Hölle, sondern ich reiße mich auch selber aus dem Gefühl von Einheit und Verbundenheit und Versöhnung und Frieden mit allem heraus, nur zu dem Preis, auf der richtigen Seite zu stehen, auf der Lichtseite, der hellen Seite.
Weil ich eben, wenn ich an Gut und Böse glaube, natürlich zu den Guten gehören will. Verständlicher Weise. Und auch das bringt uns selber aber in Gefahr. Wir verbannen dann nämlich nicht nur die anderen, die uns zu böse, zu dunkel, zu sonstwas sind, gedanklich in die Hölle. Sondern wir werden auch alles an uns, das „nicht gut, nicht richtig, nicht hell“ ist, zu unterdrücken versuchen, weil wir ja eben gut sein wollen. Wir wollen Frodo sein und nicht Sauron. Gut sein wollen, ist deshalb meiner Meinung nach auch etwas absolut Gefährliches. Ganz sein wollen, wäre die Alternative, die ich demgegenüber vorschlagen würde.
Ich habe auch selber einfach immer und immer wieder die Erfahrung gemacht, dass die Phasen, in denen ich versucht habe „gut“ zu sein, ziemlich schnell dazu geführt haben, dass es mir extrem beschissen ging. Weil es ganz einfach ein zu hoher Preis ist, die vielen, vielen Farben, die wir alle haben, aufzugeben, nur, um weiß zu sein. Da fühlt man sich nämlich auch ziemlich schnell gar nicht mehr toll, sondern bloß noch blass und schwach und leblos.
Keiner von uns sollte irgendeine seiner Farben opfern, auch nicht die dunkelsten. Sie bleiben sowieso da. Wenn wir sie unterdrücken und versuchen, in irgendeiner inneren oder äußeren Hölle wegzusperren, erreichen wir auch nur, dass sie irgendwann noch „dunkler“ und verbitterter und wütender wieder ausbrechen. Gut sein zu wollen, geht auf Dauer einfach nicht gut. Punkt. Eine unterdrückte dunkle Seite ist tausend, tausend, tausend Mal gefährlicher und zerstörerischer als eine integrierte!!!
Aber genau dahin bringt uns eben der Dualismus in unserem Kopf: wir wollen hell sein, Licht sein, auf die gute Seite gehören, in den Himmel kommen, also unterdrücken und bekämpfen wir alles Dunkle, Satanische, vermeintlich Böse an uns und an anderen. Und befinden uns plötzlich mitten in einem Krieg, den wir uns selber kreiert haben und der sofort vorbei wäre, würden wir uns daran erinnern, dass eigentlich alles Licht, alles eins und alles gut ist. Es gibt keine verbotenen, schlechten oder bösen Farben oder Klänge.
Ich bin zutiefst überzeugt, dass die Attentäter in Frankreich im Grunde auch nichts anderes wollten, als „gut“ zu sein, die „Guten“, die „Helden“ sein, die dem Bösen den Kopf abschlagen. Und mit so einem Selbstbild, wenn man es absolut radikal verinnerlicht hat, kann man dann natürlich so eine extreme Tat auch durchziehen. Sie hatten einfach ein viel zu extremes Dualismus-Programm im Kopf.
Und was wir alle tun können, damit dieser ewige Dualismus-Krieg, in dem wir alle mit drin hängen, irgendwann einfach vielleicht doch mal endet, ist eben auch, uns darüber bewusst zu werden, wie der Dualismus in unseren Köpfen funktioniert, wie er zustande kommt, wie subtil er sein kann, wie radikal, wie schnell es jedem von uns passieren kann, dass wir in so ein Denken hinein rutschen. Und jeder von uns kann daran mitarbeiten, aus diesem Denken mehr und mehr auszubrechen und dadurch zu bewirken, dass wir vielleicht auch wirklich nicht nur im Innen, sondern auch im Außen ohne diesen ganzen Krieg-der-Pole-und-Gegensätze-Blödsinn leben können.
Und da kann auch die Religion etwas tun, denn auch Religion ist nichts Festes und Starres. Wie gesagt, auch Religionen haben eine Geschichte, eine Entwicklung, sind etwas Gewachsenes und deshalb können sich Religionen auch verändern, sie können und dürfen und sollen ihre eigenen Inhalte reflektieren und neu ordnen und die Schwerpunkte verschieben. Auch, wenn sie auf Granit gebaut und vom Sternzeichen Steinbock sind ;-)
Jeder von uns hat die Wahl, wenn er in eine dualistische Weltsicht verfällt (und seien wir ehrlich, das passiert uns allen ständig, das sitzt nämlich in uns allen einfach verdammt tief), in dieser zu bleiben oder sie aufzubrechen und aufzulösen und in ein Bewusstsein zu gehen, in dem es nichts an mir oder jemand anderem gibt, das ich ändern, besiegen, töten, los werden oder verbannen muss, damit ich gut sein kann. Ein Bewusstsein, das mich in den Frieden bringt und nicht in den Krieg.
Und trotzdem ist aber auch der Dualismus eben nicht falsch oder schlecht und wir dürfen auch darin bleiben, wenn wir das wollen. Wir wollten ihn mit Sicherheit auch nicht grundlos erleben und gelernt habe ich nicht nur über ihn, sondern auch dank ihm wirklich vieles.
Und falls jemand mit Paulus per Du ist, kann er den bitte mal direkt zu mir schicken. Der ist nämlich meiner Meinung nach hauptverantwortlich für den Himmel-Hölle-Dualismus im Christentum und deshalb will ich ihm nichts tun, aber ich würde mich schon gerne mal mit ihm darüber unterhalten. Und ihn auf einen Tee mit mir und meinen geliebten, von ihm verteufelten Dämonen und Monstern einladen ;-)